Ahoj Leipzig!

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8. 4. 2019 / Jan / ,

Vor meinem dreitägigen Frühlingsausflug nach Leipzig, statte ich wie immer meiner privaten Wechselstube und Bücherei einen Besuch ab: den Eltern zu Hause. Mit den Euros ist das bei uns folgendermaßen: wenn sie meinem Papa ausgehen, habe gerade ich welche; wenn sie meiner Mama ausgehen, borgt sie sich welche beim Papa; wenn sie mir ausgehen, hat dann wiederum gerade die Mama einen Vorrat.

– übersetzt von Nicole Neumayr –

Ich brauche die Fremdwährung für gewöhnlich in Österreich, Mama in der Slowakei und Papa fast immer und fast überall – er verbringt mittlerweile mehr Zeit auf Reisen durch Europa als zuhause in Prag. Und da man es bei ihm mit der Spezies eines reisenden Sammlers zu tun hat, ist es nicht überraschend, dass er von jeder Expedition einen dicken Stoß an Prospekten, Flugblättern, kostenlosen Touristenmagazinen, den örtlichen Fahrplänen und Stadtplänen mitnimmt. Zu Hause wird dieses Material sorgfältig sortiert und in den jeweilig passenden beschrifteten Kartons abgelegt, wo es bis zum nächsten Ausflug aufbewahrt wird.

Und so kommt es, dass ich für meine erste Leipziger Messe mit einem vergilbten Bedeker-Reiseführer aus dem Jahr 1923, einem undatierten schmalen Heft mit hundertjährigen Fotografien lokaler Sehenswürdigkeiten sowie einem Stadtplan aus dem Jahr 1965 ausgestattet bin. Die vielen Karl-Marx Straßen und Plätze des Stadtplans zeugen von einer anderen Welt und anstatt der heutigen riesigen Messehallen besteht die Karte auf einer weiten, unbewohnten Vorstadtwiese. Ich will mich davon nicht beirren lassen, bleibe dem Stadtplan treu und finde mit seiner Hilfe überraschenderweise tatsächliche mein Hotel. Während der detektivischen Suche mit dem Plan zwischen mir und der Stadt, spüre ich die neidvollen Blicke der jungen, von Smartphones gesteuerten Touristen, die von der Existenz von Stadtplänen nur vom Hörensagen wissen.

Um das dritte Leipziger Märzwochenende herum kommt man ehrlich gesagt auch ohne Stadtplan zurecht. Es reicht, sich vom Menschenstrom mitnehmen zu lassen, der sich von überall in Richtung Messe bewegt.

Leipzig Messe

Wenn man die Nähe des Messe-Haupteingangs erreicht hat, wird man auch schon hineingesogen und bevor man verloren gehen kann, steht man vor dem tschechischen Infostand, der vom Trabi-Vierbeiner von David Černý bewacht wird .

Schon werde ich von Ljuba begrüßt, in deren Züricher Bioladen ich vor einigen Jahren ein Konzert gespielt habe. Und dann sind da auch schon die Brüder Bystrov, die mit Fotoapparat und Notizblock ausgerüstet um den tschechischen Stand kreisen, um danach Folgendes in der tschechischen Tageszeitung Deník darüber zu schreiben.

Ich bin zum ersten Mal hier und dann gleich als geladener Gast des Schweizer Stands. Freitag Nachmittag spiele ich dort eine Handvoll Lieder von Mani Matter. In stündlichen Intervallen gibt es Lesungen von ausgewählten Schweizer Autoren, die ihr aktuelles Werk vorstellen, mit den Besuchern sprechen und dann erleichtert wieder in den Strassen verschwinden.

Ich habe hier das Gefühl ein Doppelagent zu sein: ich vertrete die musikalische Tradition der Schweiz und gleichzeitig die sprachliche Tradition Tschechiens. Das Publikum ist auch durchmischt, die Mehrheit der Tschechen ist aber anderswo. Es sind viele tschechische literarische Größen hier, das Programm platzt fast aus allen Nähten – nicht einmal ein Zehntel des Angebots lässt sich schaffen.

Auftritt Schweiz – Halle 4, Stand C 300. Der SVVB-Geschäftsführer Dani Landolf mit Mikro an der linken Seite.

Der tschechische Stand ist nicht weit vom Schweizer entfernt. Er ist hübsch, bunt und klug als Amphitheater konstruiert. Er sollte nur größer sein. Immerhin ist Tschechien diese Jahr Gastland! Ahoj Leipzig!

Ich bin gerade fertig damit, meine Sachen zu packen, Bekannte zu begrüßen und mich zu orientieren, da ist es schon fünf. Und ich habe noch kein einziges Buch geöffnet. Einen ausführlichen Rundgang verlege ich auf morgen. Wichtiger ist jetzt mein angeschlagener Gesundheitszustand, durch den sich meine Stimme langsam in ein raues Krächzen verwandelt. Die Hauptaufgabe liegt schließlich noch vor mir.

Am Samstag bleibe ich also in der Nähe des Hotels. Bettruhe halte ich bei dem wunderbaren Frühlingswetter nicht aus. Außerdem treffe ich beim Frühstück einen meiner abendlichen Bühnenkollegen, den Schriftsteller und Bühnenautor Guy Krneta. Mit ihm und dem Walliser Lyriker Rolf Hermann spaziere ich durch die Leipziger Straßen. In diesen zwei Stunden wärmt uns die Sonne, Kaffee und ein Gespräch in einem unauffälligen, ruhigen Café am Rand der Altstadt.

Nach fünf schließt sich uns an der Hotelrezeption noch Franz Hohler mit seiner Frau an. Es folgt nochmal Kaffee und Kuchen und dann machen wir uns auf den Weg in die Lütznerstrasse 29. In einem wilden Hof führen einige Stufen hinauf in die Räumlichkeiten des Theaters. Hinter der ersten Tür ist die Bar, hinter der zweiten der Saal. Wir sind im „Neuen Schauspiel Leipzig“. Die Kapazität: ca. 150 – 200 Plätze.

Auf dem Programm steht ein Abend mit dem Titel: Ahoj, Mani Matter! Organisator ist der Verband der Schweizer Buchhändler und Verlage (Merci Dani, Bea & comp.!). Die Akteure: Hohler, Krneta, Řepka.

Der Schriftsteller Franz Hohler als Zeitgenosse, Freund und Kollege Matters; der Dramatiker Guy Krneta, als Vertreter einer späteren Generation von Autoren, die nach Matters Vorbild den Berner Dialekt pflegen; der Liedermacher Jan Řepka als zeitgenössischer, etwas exotischer Interpret von Matters Liedern.

Am Anfang meines ersten Blocks des Gemeinschaftsauftritts befrage ich das Publikum nach seiner Herkunft. Es sitzen dort neben Schweizern und Deutschen insgesamt drei Tschechen. Ich kann also nicht sagen, was sich wer von meinen Übersetzungen mitnimmt. Die Reaktionen auf das frei zusammengestellte Programm sind aber herzlich.

Franz Hohler, Guy Krneta und ich auf der Bühne diskutierend und Mani Matter uns überwachend.

Am Sonntag ist es auf der Buchmesse schon viel ruhiger. Am Samstag hatte ich mich dort wie in einer Sardinenbüchse gefühlt. Ohne das Lampenfieber vor den Konzerten starte ich jetzt entspannt meinen Rundgang.

Ich schätze, dass die Leipziger Buchmesse ungefähr vier mal größer ist als die in Prag. Es sind dort in mehreren riesigen Hallen alle deutschen Verlage vertreten und in einer weiteren Halle gibt es unabhängig davon, aber schon traditionell, eine Manga-Messe. In kurzen zeitlichen Abständen könnte man ständig ca. fünfzig begleitende Programmpunkte gleichzeitg besuchen. Einige kleine und andere, die live im Fernsehen übertragen werden. Lesungen, Diskussionen, Gespräche, Präsentationen, Konzerte. Nach der Buchmesse geht das Rahmenprogramm für die Leseratten in der Stadt in Cafés, Theatern, Salons, Klubs, Büchereien, Museen weiter. Überall in der Stadt wimmelt es von Dichtern, Schriftstellern, Übersetzern, Journalisten, Philosophen, Wissenschaftlern und vor allem und hauptsächlich: Lesern.

Die grosse Glashalle.

Am Ende bin auch ich Besitzer von neuem Lesestoff: drei Büchern und einer Unmenge von deutschen Zeitungen und Zeitschriften die sich irgendwie die letzten Millimeter meiner Taschen teilen müssen. Die Heimfahrt verbringe ich mit einem Reclam-Heft über Frank Zappa und dem antifaschistischen Musikmagazin Melodie & Rhythmus.

Wo es Bücher gibt, dort ist Verstand, wo Verstand ist, dort ist der Mensch.

Leipzig hat mich schon beim ersten Mal für sich gewonnen. Es waren dort nämlich Menschen. Irgendwann will ich die Stadt nochmal als ganz normaler Tourist besuchen. Natürlich wieder ausgestattet mit dem Reiseführer von 1923.

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